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Pik Leipzig – eine kleine Einladung

By 26. November 2021 No Comments

Das Team von Pink Summits plant für 2022 eine Besteigung des Pik Leipzig in Kirgisistan. Der Berg wurde bisher nur zweimal offiziell bestiegen. Im Jahr 2014 gelang es mir, den Gipfel des Berges zu erreichen. Der folgende kurze Reisebericht soll eine kleine Einladung sein, diesen Berg und das wunderschöne Land mit dem Team von Pink Summits im kommenden Jahr zu besuchen.

Nachdem ich zahlreiche Gipfel in den Alpen bestiegen und die kulturelle Vielfalt dort erkundet hatte, war ich auf der Suche nach neuen Abenteuern. Damals dachte ich oft ans Bergsteigen in Nepal. Aber ich war Student – arm genug, dass diese Berge für mich unerreichbar waren. Und Nepal hat mich damals wenig gereizt. Nicht wegen der Landschaft selbst, sondern weil viele meiner Freunde damals dort gewesen waren. Natürlich müssen diese Berge außergewöhnlich schön sein, aber ich wollte in das Unbekannte eintauchen. Ich wollte absolute Einsamkeit. Ich wollte mich abseits der ausgetretenen Pfade bewegen.

Eines Tages erzählte mir dann ein guter Freund von diesem fernen Land, Kirgisistan. Um ehrlich zu sein, hatte ich bis dahin nur wenig über dieses Land gehört. Und um noch ehrlicher zu sein, wusste ich nicht einmal, dass es dort Berge gibt.

Als ich den Erzählungen meines Freundes zuhörte, merkte ich, dass er von diesem Land wirklich begeistert war. Also wurde ich neugierig. Vor allem auf den Berg namens Pik Leipzig. Der – so erzählte er mir – war bis 1989 unbestiegen. Im Jahr 1989 war mein Freund offiziell der erste Mensch, der diesen Berg bestieg. Und gleich nach der Besteigung benannten er und seine Freunde den Berg “Pik Leipzig”, nach meiner Heimatstadt in Deutschland.

Also begann ich, über diesen Berg zu recherchieren. Aber ich habe nichts gefunden. Weder im Internet noch sonst wo. Es war offensichtlich, dass dieser Berg nicht mehr bestiegen worden war. Der Berg schien sowohl für Touristen als auch für einheimische Bergsteiger uninteressant zu sein. Also hat mich der Berg in seinen Bann gezogen. Kurz darauf beschloss ich nach Kirgisistan zu reisen und den Pik Leipzig zu besteigen – zumindest, es zu versuchen.

2014 sind wir zunächst in Osh angekommen. Ich fand diese Stadt mit ihrem Basar und dem geschäftigen Treiben auf den Straßen sehr angenehm und fühlte mich eigentlich weit weg von meinem Alltag in Deutschland. Ich weiß, dass einige meiner Freunde Osh eher zwiespältig gegenüberstehen, aber ich habe die Zeit dort genossen und es war der perfekte Ausgangspunkt, um in die Berge zu gelangen. Von Osh aus war es eine vierstündige Fahrt nach Achyk-Suu, einem kleinen Dorf kurz vor der Grenze zu Tadschikistan. Ich würde nicht sagen, dass lange Autofahrten zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehören, aber diese Fahrt war außergewöhnlich aufregend. Die Landschaft durch die wir fuhren, war beeindruckend: malerische Berge, mehrere Gebirgspässe, reißende Flüsse entlang der Straße und Jurten, die die Landschaft mehr und mehr prägten.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir in Sary-Tash ankamen, irgendwo in der Mitte des wunderschönen Alay-Tals. Den atemberaubenden Blick über das kleine Dorf und das herrliche Tal hinüber zu den riesigen schneebedeckten Bergen werde ich nie vergessen. Diese bis zu 7000 Meter hohen Gipfel schienen von hier aus unerreichbar zu sein. Die Straße teilte sich dort in drei Richtungen: links führte die Straße zur chinesischen Grenze, geradeaus zum nahen Pamir Highway und rechts zur tadschikischen Grenze. Wir nahmen die Straße nach rechts. Von nun an war ich voll auf unser Ziel konzentriert und vergaß die Sorgen meines Alltags. Die Expedition begann nun.

Bei einer Bergtour, bei der ein Gipfel das Hauptziel ist, ist alles ein wenig anders als bei einer Trekkingtour. Man befindet sich die meiste Zeit an demselben Berg. Als erstes begibt man sich an den Fuß des Berges. Dort erkundet man die Umgebung und akklimatisiert sich langsam an die Höhe. Schon am Fuße des Berges werden oft Höhen von über dreitausend Metern erreicht. Deshalb verbringt man dort zunächst ein paar Tage und richtet ein Basislager ein. Dann steigt man nach und nach höher hinauf, verlegt das Lager und konzentriert sich noch mehr auf den Gipfel. Der Pik Leipzig ist 5.725 Meter hoch. Das ist eine recht moderate Höhe, bei der die Akklimatisierung wichtig ist, aber nicht so umfangreich wie bei Bergen über 6.000 Meter und höher. Das macht die Reise zum Pik Leipzig zu einer recht abwechslungsreichen Tour, bei der man sich weniger durch lange Akklimatisierungstage langweilen muss.

Als wir in Achyk-Suu ankamen, begrüßten uns die Dorfbewohner neugierig. Diese Gegend wird nur selten von Touristen und Fremden besucht. Es ist interessant, den Tagesablauf in einem solchen Dorf zu beobachten. Die Menschen leben sehr einfach, die Häuser sind zweckmäßig und draußen tummeln sich Kinder und Jugendliche. Zwischen den Häusern gibt es viele Felder. Einige Männer und Frauen arbeiten dort. Geschäfte oder soziale Einrichtungen habe ich nicht gesehen. Es gab eine kleine Moschee und einen kleinen Lastwagen mit Lebensmitteln auf der Straße. Später fand ich heraus, dass der Lastwagen in regelmäßigen Abständen hierher kommt und frische Waren aus Osch verkauft. Aber ich nehme an, die Menschen hier sind größtenteils Selbstversorger. Was mir auch auffiel, war, dass sich nur wenige Menschen im Dorf aufhielten. Es war ruhig. Wo waren all die Menschen, die eigentlich in den Dorfhäusern leben sollten?

Als wir eine halbe Stunde über einen ziemlich schlechten Bergpfad fuhren, der sehr steil in die Berge führte, bekam ich die Antwort auf meine Frage. Ich will zuerst erwähnen, dass wir nach dieser kurzen Fahrt in einer – für mich – anderen Welt angekommen waren. Ich erinnere mich an diese atemberaubende Hochebene. Die Wiesen dort waren riesig, um nicht zu sagen fast endlos. Sie waren von tiefen Schluchten durchzogen, die man erst erkannte, wenn man direkt vor ihnen stand. Auf den Wiesen standen Dutzende von Jurten, und neben den Jurten weideten Pferde, Schafe und Ziegen. Kinder spielten und ritten auf Eseln und Pferden. Frauen webten Teppiche vor den Jurten und rührten Kefir über dem lodernden Feuer. In der Ferne, am Ende der Wiesen, ragten die Berge mehr als 5.000 Meter in den blauen Himmel. An manchen Stellen reichten die riesigen, eisigen und weißen Nordwände bis hinunter zu den grünen Wiesen. Dieser Ort war das Schönste, was ich in meinem Leben gesehen und erlebt hatte. Hier spürte ich Frieden, Ruhe, Weite, Glück, Entspannung und so vieles mehr. Ein wahres Paradies. Allein diesen Ort zu erleben, war schon die ganze Reise wert.

Ich habe viele Tage, wenn nicht Wochen, an diesem Ort verbracht. Ich habe dort Einheimische getroffen, mit ihren Tieren geholfen, Kefir gerührt, Pferde gemolken, mich in die Kunst des Teppichwebens einführen lassen, stundenlang die Berge bestaunt, den Kindern beim Spielen zugesehen, viele traditionelle Mahlzeiten in den Jurten verschiedener Familien genossen, bin auf Eseln und Pferden geritten und habe viel über das Leben dort gelernt. Glaubt mir, diesen Ort muss man besucht und erlebt haben, bevor auch dieser Teil der Welt von der modernen Welt endgültig verändert wird.

In der Umgebung gibt es unzählige Möglichkeiten, sich zu akklimatisieren. Man kann die Berghänge erklimmen, zu den kleineren Gipfeln wandern, die Ausläufer der nahen Gletscher erkunden und vieles mehr. Langweilig wird einem hier nicht, und wenn doch, kann man diese Langeweile ganz gut genießen. Nach dem Aufenthalt an diesem Ort folgten zwei weitere Lager, bevor wir den Gipfel des Pik Leipzig erreichten. Das zweite Lager befindet sich am Fuße des Berges. Der Weg dorthin ist lang, aber auch beeindruckend. Er führt durch ein großes Tal entlang der riesigen Moränen. Am Ende befindet man sich in einer Art Arena. Riesige Bergwände begrenzen das Ende des Tals. Die riesige Nordwand wirkt fast beängstigend. Den ganzen Tag über stürzen hier Fels- und Eislawinen hinunter, die ein stetes und lautes Grollen durch das Tal schicken. Das Lager kann dort aber sicher auf einem Moränenhügel aufgeschlagen werden.

In diesem Camp ist der Aufenthalt zwar beeindruckend, aber nicht so angenehm wie in den nächsten und dem letzten Camp. Das liegt daran, dass das Camp von riesigen Bergwänden umgeben ist. Die Sonne geht spät auf und früh unter. Es ist kalt und ungemütlich. Aber es ist eine Expedition, kein Erholungsurlaub. Das wird einem hier schnell klar. Auch der Anblick des Aufstiegs zum letzten Lager ist nichts für schwache Nerven. Eine große, steile und eisige Flanke. Flach genug, um sich ohne Klettern bewegen zu können, aber steil genug, dass ein Ausrutschen fatale Folgen hätte. Und die Flanke ist 800 Meter hoch. Da muss man schnell sein. Sobald die Sonne in die Rinne scheint, wird es gefährlich. Steine lösen sich aus dem Eis. Und ich habe hier schon Steine herunterkommen sehen, die so groß waren wie ein moderner Kühlschrank. Ein Schlag und man ist sofort im Paradies. Aber für erfahrene Bergsteiger, die mit den Gefahren im Hochgebirge vertraut sind, die sich einzuschätzen wissen und gut ausgebildet sind, für die ist die Durchquerung der Flanke eine schöne Herausforderung. Und an ihrem Ende wird man für die Mühen reich belohnt.

Nach der Flanke erreicht man ein riesiges Gletscherplateau auf etwa 5000 Metern. Die Aussicht auf die umliegenden Berge ist grandios. Man kann bis zum Pik Lenin hinüberschauen und sogar die Aufstiegsspuren dort sehen. Auf dem Plateau hatten wir unser Lager aufgeschlagen. Von hier aus waren es noch 700 Höhenmeter bis zum Gipfel. Der weitere Weg ist technisch nicht schwierig, aber eben auch nicht ungefährlich. Zahlreiche Gletscherspalten ziehen sich durch den Gletscher bis zum Gipfel. Man muss bei jedem Schritt wachsam bleiben. Wir hatten jedoch Glück: die Bedingungen waren gut. Aber wir merkten auch, dass an einem sonnigen Tag mit jeder Stunde die Bedingungen schlechter wurden. Und plötzlich gerieten wir in schlechtes Wetter. Wir hatten einen White-out. Das war beängstigend. Man macht einen Schritt und weiß nicht, ob es bergauf oder bergab geht, ob man im Kreis läuft oder in die falsche Richtung geht. Das Schöne an diesem Berg ist, dass man alleine unterwegs ist. Aber genau das macht es extrem gefährlich, wenn man sich selbst überschätzt. Es gibt niemanden, der dir hier hilft.

Lasst mich kurz etwas über den Gipfel sagen: Die Aussicht vom Gipfel des Pik Leipzig ist ein unvergessliches Erlebnis. Man sieht endlose Berge, alle 7000er der ehemaligen Sowjetunion und wahrscheinlich hunderte oder gar tausende von unbestiegenen Gipfeln. Wir genossen diese Aussicht und machten ein kurzes Picknick. Und wir haben eine Eisenkassette mit einem Gipfelbuch auf dem Gipfel zurückgelassen. Nach unserem Eintrag sind noch viele leere Seiten vorhanden. Jetzt liegt es an euch. Es gibt nichts weiter über den Gipfel zu sagen, man muss ihn einfach selbst erleben. Aber das Wesentliche an dieser Reise ist einfach die gesamte Erfahrung. Es ist eine Reise in das ländliche und das unberührte Kirgisistan. Es ist eine Reise in fremde Länder, zu Freunden und zu sich selbst.

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